Welch ein Tag. Eben habe ich die Zusage für die Karten der Lesung des Briefwechsels von Thomas Bernhard und Siegfried Unseld bekommen – das dazugehörige Buch träg schlicht den Titel “Der Briefwechsel”. Gert Voss und Peter Simonischek geben sich die Ehre am Wiener Burgtheater und leihen ihre Stimmen den Worten besagten zwei Briefeschreibern.
30 Jahre alt, ohne Resonanz auf seine bis dahin veröffentlichten drei Gedichtbände, vom eigenen überragenden schriftstellerischen Können allerdings überzeugt, schreibt Thomas Bernhard im Oktober 1961 an Siegfried Unseld: »Vor ein paar Tagen habe ich an Ihren Verlag ein Prosamanuskript geschickt. Ich kenne Sie nicht, nur ein paar Leute, die Sie kennen. Aber ich gehe den Alleingang.«
In den etwa 500 Briefen zwischen Bernhard und Unseld entwickelt sich ein ganz und gar eigenes einzigartiges Zwei-Personen-Schauspiel: zum einen ist es eine Tragödie, wenn Bernhard die aus seinen Werken bekannten Schimpftiraden auf den Verleger losläßt, der seinerseits auf die Überzeugungskraft des Arguments setzt. Zum anderen aber gibt Bernhard ein Kammerspiel mit Unseld als Held – 1973 schreibt er ihm: »mit grösster Aufmerksamkeit, mit allen Möglichkeiten, gehe ich gern mit Ihnen.«
Ein klein wenig wie ein Beziehungsdrama: Der Autor stellt die für sein Werk und seine Person unabdingbaren Forderungen. Der Verleger seinerseits weiß, daß gerade bei Bernhard rücksichtslose Selbstbezogenheit notwendige Voraussetzung der Produktivität ist.
Es ist ein dramatischer Briefwechsel einserseits, andererseits ein ebenbürtiges Duell zwischen Autor und Verleger, in dem bei jeder Zeile alles auf dem Spiel steht. Etwas Neues.
Wo ich diese Zeilen heute geschrieben habe? Wo könnte es passender sein, als im Cafe Bräunerhof. An einem kleinen Tisch am Rand mit dem Blick durch den ganzen Raum – wo vielleicht auch schon Bernhard selbst an diesen Briefen gefeilt hat.
In diesem Sinne:
“Im Bräunerhof reden mir die Leute zu laut oder zu leise, bedienen mir die Kellner zu langsam oder zu schnell, aber im Grunde ist das Bräunerhof gerade weil es gegen alles ist, das ich mir jeden Tag für mich in Anspruch zu nehmen getraue, das Wiener Kaffeehaus, genau wie das in den letzten Jahren in Mode und in diesen Jahren mit der gleichen Geschwindigkeit völlig heruntergekommene Café Hawelka. Das typische Wiener Kaffeehaus, das in der ganzen Welt berühmt ist, habe ich immer gehasst, weil alles in ihm gegen mich ist. Andererseits fühlte ich mich jahrzehntelang gerade im Bräunerhof, das immer ganz gegen mich gewesen ist (wie das Hawelka), wie zuhause. ” Thomas Bernhard in Wittgensteins Neffe
